Begeben Sie sich auf eine Zeitreise durch 200 Jahre Vereinsgeschichte

1814


Zu Beginn des 19. Jahrhunderts findet die Naturwissenschaft noch nicht so recht ihren Platz in der Finanz- und Handelsstadt Frankfurt. Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe urteilt 1814 daher hart über seine Heimatstadt. Das chemische Laboratorium sei unbrauchbar, die Medizinschule verarmt. Und die Physik ist in Frankfurt noch gar nicht angekommen. „Wäre es möglich, einen tüchtigen Physiker herbei zu ziehen, [...], so wäre in einer großen Stadt für wichtige, insgeheim immer genährte Bedürfnisse und mancher verderblichen Anwendung von Zeit und Kräften eine edlere Richtung gegeben“, schreibt er in seinem Reisebericht Am Rhein, Main und Neckar.

1824


Einige Bürger nehmen sich die Anregung von Goethe zu Herzen und gründen am 24. Oktober 1824 den Physikalischen Verein. Unter ihnen ist der Mediziner Christian Ernst Neeff. Er war einige Jahre zuvor auch Mitgründer der heutigen Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Dort finden allerdings die Chemie und Physik wenig Beachtung. In der ersten Satzung notieren die Gründer: „Um sich gegenseitig zu belehren, um Kenntnisse in der Physik und Chemie allgemeiner zu verbreiten, und diese Wissenschaften selbst so viel als möglich zu fördern und zu bereichern, sind mehrere Freunde derselben zur Bildung eines Physikalischen Vereins zusammengetreten.“

Exkurs: Johann Valentin Albert


Johann Valentin Albert ist eine der zentralen Figuren in der frühen Geschichte des Vereins. Der Mechaniker und Erfinder betreibt ein Geschäft in der Schäfergasse und verkauft dort physikalische Apparate. Seine Sammlung ist der Grundstock für das physikalische Cabinett des Vereins. In seinem Haus kommt der Verein auch unter und kann dort die ersten Veranstaltungen abhalten. Die Zusammenarbeit klappt nicht lange, schon 1835 kommt es zur Trennung. Die genauen Gründe sind noch nicht erforscht, wir können nur spekulieren: Albert soll der Grund gewesen sein, dass Experimente schiefgingen. Und vielleicht war es auch seine Geschäftstüchtigkeit, die die Zusammenarbeit erschwert. Für verwendete Geräte musste der Verein eine Gebühr zahlen. Über das Verwürfniss scheint Albert nicht hinweggekommen zu sein. In seiner Autobiographie findet der Verein keine Erwähnung.

1830er


Arzt und Theologe Johann Karl Passavant leitet in den 1830er Jahren die Geschicke des Vereins. Unter ihm kommt es zur Neuausrichtung. Jetzt, wo Albert den Verein verlassen hat, müssen neue Räume her. Die Dr. Senckenbergische Stiftung stellt einige Zimmer in ihrem Stiftshaus zur Verfügung. Auch die Stadt unterstützt jetzt den Verein finanziell – und verlangt dafür bestimmte Gegenleistungen. So müssen die Dozenten des Vereins an den Frankfurter Schulen Physik- und Chemieunterricht geben. Die vielen neuen Fabriken in Frankfurt sowie neue Erfindungen werden vom Verein begutachtet: ein früher TÜV für Frankfurt entsteht.

1838


Die Stadt beauftragt den Verein die Thurmuhren nach Frankfurter mittlerer Zeit zu reguliren. Es wird immer wichtiger, die Zeit möglichst genau zu kennen. Dauerhaft präzise laufende Uhren gibt es aber noch nicht. Abhilfe schafft die Astronomie: Die genaue Kenntnis der Sonnenbahn ermöglicht es, die Zeit zu bestimmen. Für diesen Zweck errichtet der Verein seine erste Sternwarte auf dem Turm der Frankfurter Paulskirche. Die Mitglieder des Vereins läuten eine Signalglocke, sobald es 12 Uhr mittags ist. So können alle Turmuhren der Stadt regelmäßig synchronisiert werden.

1830er bis 1850er


Die verschiedenen Interessen im Verein bilden sich in Comites und Commissionen ab. Neben dem Comite für die Zeitbestimmung gibt es beispielsweise eine Gruppe um Physiker Greiss, die das Wetter in Frankfurt beobachtet und genau aufzeichnet. Die Beobachtungen werden unter seiner Führung immer wissenschaftlicher: Geräte werden geeicht, feste Beobachtungszeiten festgelegt. Zwar kann das Wetter noch nicht vorhergesagt werden, doch die Berichte über die Witterung der vergangenen Tage interessiert die Frankfurterinnen und Frankfurter. Und sogar Goethe lässt sich die Berichte regelmäßig nach Weimar schicken.

Exkurs: die Erfindung des Telefons


Wer genau das Telefon erfunden hat, das ist bis heute umstritten. Als Kandidat kommt auf jeden Fall der in Gelnhausen geborene Philipp Reis in Frage. Er ist seit 1851 Mitglied im Physikalischen Verein. Es verwundert daher nicht, dass er seine neuste Erfindung – das sogenannte Telephon – am 26. Oktober 1861 im Verein vorstellt. Mit dem weltberühmten Satz: „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ präsentiert er erstmals eine elektrische Fernsprechverbindung. Die Reaktionen der Vereinsmitglieder: gemischt. Einige sind begeistert vom Telefon, andere eher zurückhaltend. Reis kann den Verein nicht überzeugen das Telefon zu vermarkten. Erst nach seinem Tod im Jahr 1874 erkennt der Verein, welche Jahrhunderterfindung in seinen Hallen präsentiert wurde. Übrigens: der oft als Erfinder des Telefons genannte Alexander Graham Bell hatte ein Reis'sches Telefon in seinem Labor. Sicher fand er darin Inspiration für seine Variante des Telefons.

1880er


1866 hatte die Freie Stadt Frankfurt ihre Unabhängigkeit verloren und fiel damit auch als Geldgeber weg. Mit der neuen Regierung in Preußen gibt es nur eine begrenzte Zusammenarbeit: die Wetterbeobachtung wird zum Beispiel in ein Netz aus Stationen eingeschlossen. Doch insgesamt ist die Situation für den Verein nicht einfach. Hinzu kommt: vor Kurzem wurde das Stiftsgebäude abgerissen, der Verein ist ohne Bleibe. Durch Spenden von Frankfurter Industriellen kann jedoch 1888 ein neues Gebäude errichtet werden. Zum ersten Mal hat er seine eigene Bleibe und ein goldenes Zeitalter beginnt.

 

 

1891


Frankfurt wird zu einem Zentrum der Elektrisierung von Deutschland. Die Internationale Elektrotechnische Ausstellung besuchen 1891 über 1,2 Millionen Personen. Sie sind begeistert von Glühbirnen, künstlichen Wasserfällen und der elektrischen Eisenbahn. An all dem wirkt der Physikalische Verein mit. Vor Kurzem hat er eine Elektrotechnische Lehr- und Untersuchungsanstalt gegründet. Die rasanten Fortschritte in den Wissenschaften machen aus Universalgelehrten Spezialisten. Es bilden sich daher im Verein ein Physikalisches Institut, ein Institut für Angewandte Physik, ein Chemisches Institut und ein Institut für Physikalische Chemie.

1908


Schon zwanzig Jahre nach dem letzten Neubau sucht der Physikalische Verein erneut ein neues Quartier. Das alte platzt aus allen Nähten. Im neuen Gebäude in der heutigen Senckenberganlage kommen alle Institute des Vereins unter. Endlich erfüllt sich mit der Sternwarte Frankfurt auch der Wunsch nach einer eigenen Sternwarte. Von hier aus werden einige der ersten Kleinplaneten entdeckt. Zur Einweihung kommen Unterstützerinnen und Unterstützer des Vereins. Darunter zahlreiche Industrielle, die den Bau finanziert haben sowie Politiker der Stadt und des Landes. Einer der Ehrengäste ist Graf von Zeppelin, der den Verein schon oft besucht hat.

1913


Weitere Forschungsinstitute kommen hinzu: der Verein errichtet auf dem Kleinen Feldberg das Taunusobservatorium mit Erdbebenwarte und Wetterstation. Möglich ist die Einrichtung wieder nur dank großzügiger Unterstützung aus der Frankfurter Bevölkerung. Frau Baronin Antonie von Reinach-Bolongaro will mit der Stiftung an ihren verstorbenen Ehemann erinnern, der als Geologe sicher begeistert vom Observatorium gewesen wäre. Kurz vor der Eröffnung besucht Kaiser Wilhelm II. die neuen Institute. Er und seine Ehefrau lassen sich das Gelände zeigen und tragen sich als Erste ins Gästebuch ein.

1914


Schon lange wünschen sich die Frankfurter eine eigene Universität. Denn bislang gibt es zwar mehrere Akademien und Forschungseinrichtungen wie den Physikalischen Verein, aber keine richtige anerkannte Universität. Wieder einmal müssen die Frankfurter Bürgerinnen und Bürger selbst anpacken: 1914 gründen sie die Stiftungsuniversität. Auch der Physikalische Verein ist als Stifter dabei. Gleich acht seiner Institute gibt er in die Gründung und legt damit den Grundstein für den wissenschaftlich erfolgreichen Fachbereich Physik. Der Verein ist ab jetzt vermehrt um die wissenschaftliche Breitenbildung bemüht.

Exkurs: das Stern-Gerlach-Experiment


Im ersten Stock haben die Physiker Otto Stern und Walther Gerlach ihr Büro und Labor. Sie erfahren von den Postulaten einiger theoretischer Physiker, die die sogenannte Richtungsquantelung von Teilchen vorhersagen. Stern und Gerlach ziehen das in Zweifel. Stern hat aber eine neue Messmethode entwickelt, mit der sich die These experimentell überprüfen lässt. In der Nacht vom 07. auf den 08. Februar 1922 gelingt dann das Stern-Gerlach-Experiment – und legt damit einen Grundstein für die Quantenphysik. „Bohr hat doch recht!“, telegrafiert Gerlach noch am gleichen Tag an seinen Kollegen Stern, der mittlerweile Professor an der Uni Rostock ist.

1939


Wie sich der Physikalische Verein mit dem NS-Regime arangiert, muss noch genauer erforscht werden. Doch zumindest ein gewisser Widerwille könnte sich aus den Protokollen des Vorstands herauslesen lassen: Die Aufforderung, die Tafeln der Ewigen Mitglieder zu entfernen, wird nur teilweise umgesetzt. Die Namen der jüdischen Mitglieder hatten für „Anstoß gesorgt“. Eine Übertapezierung statt Entfernung reicht, so der Vorstand. 1939 wird in den Vorstandsprotokollen notiert: „Aus der Mitgliederliste sind im verflossenen Vereinsjahr 25 Nichtarier gestrichen worden.“

1944 & 1945


Bei Bombenangriffen wird das Vereinsgebäude zerstört. Die Sternwarte brennt völlig aus, zum Glück konnte vorher zumindest die historische Linse in Sicherheit gebracht werden. Wie durch ein Wunder bleibt auch der Hörsaal verschont. Eine Bombe schlägt direkt auf einem Stahlträger in der Decke des Hörsaals ein. Der gröbste Schaden wird so abgewendet. Nach dem Krieg bringt der Hausmeister an der Einschlagsstelle ein Kruzifix an, um höheren Mächten für den abgewendeten Schaden zu danken.

 

 

1960


Nach dem Zweiten Weltkrieg dauert es lange, das Vereinsgebäude wieder komplett aufzubauen. In provisorischen Hörsälen und Laboren wird zwar der Unibetrieb wieder aufgenommen, doch die Aufbauarbeiten ziehen sich. Erst 1960 kann auch die Sternwarte wieder geöffnet werden. Zu den Angeboten wie Vorträgen, Schülervorlesungen und vielem mehr kommen jetzt endlich auch wieder astronomische Beobachtungen auf der Sternwarte hinzu.

1980er


Unter dem Vorsitzenden Hans-Ludwig Neumann legt der Physikalische Verein seinen Schwerpunkt auf die Astronomie. Als Volkssternwarte entwickelt sich der Physikalische Verein zum Anlaufpunkt für alle astronomisch Interessierten in Frankfurt. Jung und alt kommen in die Sternwarte, um einen Blick auf Sonne, Planeten und ferne Galaxien zu werfen. In dieser Zeit entstehen auch viele der noch heute bekannten Veranstaltungsreihen wie Astronomie am Freitag.

 

 

1998


Schon lange wünschen sich die astronomisch aktiven Mitglieder des Physikalischen Vereins eine Sternwarte, um der Licht- und Luftverschmutzung in Frankfurt zu entkommen. Nach vielen Jahren Planung wird der Wunsch mit der Errichterung der „Hans-Ludwig-Neumann-Sternwarte“ endlich wahr. Als Grundstück bietet sich natürlich das Taunusobservatorium auf dem Kleinen Feldberg an. Von dort entdecken die Mitglieder des Vereins in den kommenden Jahren zahlreiche Kleinplaneten und forschen zu verschiedenen Themen.

2000er


Der Physikalische Verein stellt sich wieder breiter auf. Neben den astronomischen Vorträgen kommen viele neue Veranstaltungen hinzu. Darunter auch ganz neue Formate wie der science slam oder die Nacht der Museen. Das findet Anklang: der Verein hat mehr Mitglieder als je zuvor. Fast 2.000 Menschen unterstützen den Verein nun.

 

 

2010er


Nach dem Auszug der Goethe-Universität übernimmt die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung unser historisches Vereinsgebäude, heute Arthur-von-Weinberg-Haus. Das Gebäude wird von Grund auf renoviert, um den modernen Ansprüchen als Forschungszentrum zu genügen. Die Umbauzeit überbrücken wir in einem Interimsquartier mit den gewohnten Veranstaltungen. Nur unsere astronomischen Beobachtungen auf der Sternwarte müssen vorerst ausfallen.

 

 

2021


Mit Installation des historischen Fernrohrs sind die langen Umbauarbeiten endlich abgeschlossen. Der Tubus wurde neu gestrichen, die Linse gereinigt. Nachführung und Montierung funktionieren nach wie vor einwandfrei. Nach Jahren ohne Sternwarte können wir nun wieder Beobachtungen anbieten. Dazwischen funkt uns natürlich die Coronapandemie, die den Betrieb mit Präsenzveranstaltungen zum großen Teil lahmlegt. Unserem Motto "Zukunft seit 1824" getreu bieten wir allerdings schnell digitale Alternative zu unseren Vorträgen, Seminaren & Co. an.

Noch nicht genug?

An dieser Stelle können wir natürlich nur einige Highlights aus der Geschichte herauspicken. Einen umfangreichen Überblick über die Geschichte des Physikalischen Vereins hat Gerd Sandstede hier erstellt. Außerdem finden Sie bei unseren Publikationen viele weitere Infos zur Historie.