Physikalischer Verein feiert schon wieder Geburtstag
Wir hatten einen ersten Geburtstag, ja. Aber was ist mit einem zweiten Geburtstag? Vor 150 Jahren wurde der Physikalische Verein als Juristische Person anerkannt.
2024 durften wir mit großem Stolz das 200-jährige Bestehen des Physikalischen Vereins feiern. Doch nun steht schon das nächste große Jubiläum an. Wir blicken zurück in das Jahr 1876: Vor genau 150 Jahren wurde der Physikalische Verein am 17. Juli 1876 offiziell zur juristischen Person. Ein Blick in die Protokolle der preußischen Regierung.
Eine „ersprießliche“ Bilanz im Jahr 1876
Am 30. Juni 1876 reichten drei preußische Minister eine Eingabe an Kaiser Wilhelm I. Unterzeichnet wurde der Antrag von Friedrich zu Eulenburg, Innenminister, Adolph Leonhardt, Justizminister und Adalbert Falk, Minister für geistliche Angelegenheiten. Ihrem Antrag fügen die Minister einen kurzen Bericht über den Physikalischen Verein bei:
- Der Verein erfreute sich einer „regen Theilnahme seitens des gebildeten Theils der Einwohnerschaft“, zählte damals 320 Mitglieder und besaß ein „in Werthpapieren belegtes Vermögen von 49.200 Mark“.
- Die Stadt Frankfurt am Main zahlte eine ständige Subvention. Im Gegenzug war der Verein verpflichtet, „auf Erfordern der städtischen Behörden Gutachten aus dem Gebiete der erwähnten Wissenschaften unentgeltlich zu erstatten“.
- Ein Kernanliegen war es schon damals, physikalische und chemische Kenntnisse „in weitere Kreise zu verbreiten“. Daher musste der Verein unter anderem dafür sorgen, den „älteren Schülern der höheren städtischen Anstalten (Gymnasium, Musterschule etc.) freien Zutritt zu den wissenschaftlichen Vorträgen seines Lehrers zu gewähren.“
Die Minister kamen zu dem schmeichelhaften Fazit, dass die Wirksamkeit des Physikalischen Vereins „als für Gemeinwohl und Bildung ersprießlich betrachtet werden“ darf. Da auch die am 8. März 1876 in der Generalversammlung einstimmig beschlossenen Statuten zu „wesentlichen Ausstellungen“ (also Beanstandungen) keine Veranlassung boten, stand der Genehmigung nichts mehr im Weg.
Ein „Allerhöchster Erlass“ vom Bodensee
Da Frankfurt nach 1866 von Preußen annektiert worden war, waren die preußischen Ministerien für den Sachverhalt zuständig. Die finale Unterschrift unter die „Kabinettsordre“ setzte Kaiser Wilhelm I. jedoch nicht in der Hauptstadt Berlin. Laut Abschrift des „allerhöchten Erlasses“ wurde das Dokument am 17. Juli 1876 unterzeichnet und nennt als Ausstellungsort „Schloß Mainau“. Der Kaiser verweilte offensichtlich gerade auf der Bodensee-Insel in der Sommerresidenz seines Schwiegersohns, als er dem Physikalischen Verein ganz offiziell die Rechte einer juristischen Person verlieh.
150 Jahre nach diesem kaiserlichen Erlass aus dem Sommerurlaub können wir mit Stolz feststellen: Die damalige Prognose der Berliner Minister zur „Bestandsfähigkeit des Vereins“ war vollkommen zutreffend. Auf die nächsten 150 Jahre ersprießliche Wissenschaftsvermittlung – und auf unseren zweiten Geburtstag!
Die Dokumente hat die Historikerin Dr. Andrea C. Hansert im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (Berlin) unter der Signatur: I. HA Rep. 76, Va Sekt. 5 Tit. IV, Nr. 5 Bd. 2, Bl. 7-9 gefunden. Es handelt sich dabei um Abschriften des Kultusministeriums.
Die Abschrift der handschriftlichen Aufzeichnungen aus dem Staatsarchiv wurde mithilfe von KI erstellt und kann Fehler enthalten.
Antrag vom 30. Juni 1876
Kopfbereich (oben):
Abschrift für das Königl. Ministerium der geistl. pp. Angelegenht. 3235 U. I. [Rechts:] 7 / M. d. F. I A. 4744. / Just. M. III a 1810.
Linke Spalte:
Berlin, den 30. Juni 1876. An Se. Majestät den Kaiser u. König.
[Spätere handschriftliche Vermerke:] abgeg. 13/7. 76. U I 4294 - 76.
Rechte Spalte (Haupttext):
Zu Frankfurt a/M. besteht unter dem Namen „physikalischer Verein“ seit dem Jahre 1824 ein Verein, welcher den Zweck verfolgt, physikalische und chemische Kenntnisse zu fördern und in weitere Kreise zu verbreiten. Der Verein zählt gegenwärtig 320 Mitglieder und besitzt ein in Werthpapieren belegtes Vermögen von 49.200 Mark. Außerdem erhält er von der Stadt Frankfurt a/M. eine ständige Subvention zu dem Zwecke, für un- unterbrochene Besetzung eines Lehrstuhls der Physik und Chemie durch einen tüchtigen Lehrer zu sorgen und mit der Verpflichtung, auf Erfordern der städtischen Behörden Gutachten aus dem Gebiete der erwähnten Wissenschaften unentgeltlich zu erstatten, sowie den älteren Schülern der höheren städtischen Anstalten (Gymnasium, Musterschule etc.) freien Zutritt zu den wissenschaftlichen Vorträgen sei- nes Lehrers zu gewähren.
Die Bestandsfähigkeit des Vereins, welcher sich einer regen Theilnahme seitens des gebildeten Theils der Einwohnerschaft erfreut, darf deßhalb ebenso als gesichert, wie seine Wirksamkeit als für Gemeinwohl und Bildung ersprießlich betrachtet werden.
Zu seinem fortschreitenden Gedeihen und zur leichteren Verwaltung seines Vermögens hat der erwähnte Verein gegenwärtig die Verleihung juristischer Persönlichkeit nachgesucht. Die zu diesem Zwecke entworfenen, hier allerunterthänigst beigefügten Statuten, welche Inhalts des vorgehefteten Notariats-Instruments in der General-Versammlung des Vereins am 8. März d. Js. einstimmig angenommen worden sind, bie- ten zu wesentlichen Ausstellungen keine Veranlassung. Ew. k. und k. Majestät erlauben wir uns hier- nach im Hinblicke auf die gemeinnützigen Zwecke des Vereins allerunterthänigst zu bitten: Durch huldreiche Vollziehung des anliegenden Ordre-Entwurfes dem vorgedachten Antrage in Gnaden Statt geben zu wollen. /: Namens E. E. Excellenzen :/
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Linke Spalte (Randvermerk Mitte):
An die Minister des Innern, der Justiz und der geistlichen p. Angelegenheiten.
Rechte Spalte (Entwurf des kaiserlichen Erlasses):
Auf den Bericht vom 30. Juni d. Js. will Ich dem „physikalischen Verein“ zu Frankfurt a/Main auf Grund der zurückfolgenden Statuten vom 8. März d. Js. hierdurch die Rechte einer juristischen Person verleihen. den [Freiraum für das Datum] 1876.
Zur Allerhöchst. Vollziehung unter Gegenzeichnung Ihrer Excellenzen der Herren Minister
Unterer Bereich (Minister-Unterschriften):
(Linke Seite)
des Innern. gez. Graf zu Eulenburg
Zugleich für den Minister der geistlichen pp. Angelegenheiten.
(Mitte)
der Justiz. gez. Dr. Leonhardt
(Rechte Seite)
der geistl. p. Angeleg. gez. Dr. Falk
Beschluss vom 17. Juli 1876
Kopfbereich (oben rechts):
[Im Kästchen:] U. I Pr: d. 28 / 7. 76.
[Rechts am Rand:] 8
[Unter dem Kästchen, stark abgekürzte Aktenvermerke:] E. z. d. [...] 4294 1 Allhöch. Ordre 1 Vorschlag 1 Beilage [?]
Haupttitel (in aufwendiger Kalligrafie):
Ministerium der geistlichen pp. Angelegenheiten.
Allerhöchster Erlass
Mittelteil (kursive Handschrift):
d. d. Schloß - Mainau den 17 ten Juli 1876. betreffend die Verleihung der Rechte einer juristischen Person an den physikalischen Verein zu Frankfurt a/M.
Unterer Teil:
An die Minister des Innern, der Justiz und der geistlichen p. An= gelegenheiten.
Stempel und weitere Aktenvermerke (unten rechts):
[Kastenstempel:] Justiz-Ministerium praes. d. 2 / 8 76
[Handschriftlich darunter:] Fasz. 1810. Ref. [?] für Ab. I. III a 2201. 1 Allh. Erl. 1 [unleserlich, evtl. "Kopie" oder "Beil."]
Bescheid vom 4. August 1876
Kopfbereich (oben links und rechts):
[Links:] Berlin, den 4. August 1876.
[Rechts:] 9 Abschrift für das Königliche Ministerium der geistlichen pp. Angelegenheiten
- U. I. M. d. I. I. 6032. A. J. M. III a 2201.
Linke Spalte (Adressat und Aktenvermerke):
An die Königliche Regierung zu Wiesbaden. [darunter, schwer leserlich:] c. d. Ober-Präs. [?]
[Im geschwungenen Kreis:] abgeg. 10/8
Rechte Spalte (Haupttext):
Des Königs Majestät haben mittelst des in beglaubigter Abschrift beigefügten Allerhöchsten Erlasses vom 17. Juli cr. dem „physikalischen Verein“ zu Frankfurt a/M. auf Grund der Statuten vom 8. März d. J. die Rechte einer juristischen Person zu verleihen geruht.
Sie pp. setzen wir hiervon auf den Bericht vom 3. Mai cr. unter Wiederanschluß der Anlagen zur weiteren Verfügung in Kenntniß.
Unterer Bereich (Unterschriften der Ministerien):
(Linke Seite)
Der Minister des Innern. Im Auftrage. gez. Ribbeck.
(Mitte)
Der Justiz-Minister. In dessen Vertretung Friedberg.
(Rechte Seite)
Der Minister für die geistlichen pp. Angelegenheiten. Im Auftrage. Foerster
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