Frankfurt - Stadt der Dichter und Dealer

Als Ernst Abbe für ein Vorstellungsgespräch als Stadtastronom nach Frankfurt kommt stößt er 1860 auf ein raues Pflaster. Briefauszüge über die Stadt damals.

Ernst Abbe war 1840 in Eisenach geboren. Obwohl in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, konnte er Mathematik, Physik, Astronomie und Philosophie in Jena und Göttingen studieren. Kurz nach Abschluss seiner Promotion wurde er für das Amt eines Dozenten im Physikalischen Verein vorgeschlagen. Dort bestand man auf einen Probevortrag, bevor Abbe die Stelle bekam. Zur Reise und zu seinem Aufenthalt schreibt sein Biograf Felix Auerbach:

„Wie harmlos klingen seine Mitteilungen über den Alkoholgenuß, dessen er sich in Frankfurt zum ersten Male richtig erfreute, zu dem die wohlgepflegte Stadt, so nahe am Rhein, sicher verlockend genug war: dem Bier wie dem Wein könne man gut zusprechen, ohne die geringsten unangenehmen Folgen zu verspüren. Das einzig Bedenkliche ist und bleibt zweifellos der starke Tabakverbrauch […]

Auch Ernst Abbe selbst berichtet in Briefen über seine Reise nach Frankfurt. Am 31. Mai 1861 schreibt er:

„Am Freitag Morgen bin ich weggefahren und um zehn Uhr in Frankfurt eingetroffen. Nachdem ich ein paar Straßen durchwandert und vor hundert glänzenden Läden stehen geblieben war, suchte ich mir mein Absteigequartier im Hotel […] Die vorangegangene Nacht und eine gewisse Aufregung, das alles mag zusammengewirkt haben: kurz, am anderen Morgen lag ich, nach einer zweiten schlaflosen Nacht, auf dem Ohre, und zwar an […] Kopfschmerzen, die mich über Nacht mit noch nie dagewesenem Grimme angefallen hatten. Ich konnte kein Auge auftun, kein Wort sprechen, keinen Schritt gehen (der Erschütterung wegen), keinen Bissen essen, sondern mußte bei verdunkeltem Fenster auf demselben Fleck liegen bleiben unter grauenhaftesten Schmerzen.

Unser damaliger Präsident, der Arzt Josef Wallach, setzte sich sehr für Abbe ein. Er besuchte ihn mehrfach im Hotel und Abbe war mehrfach bei Wallach und seiner Frau zum Abendessen geladen. Als Arzt wollte Wallach Abbe schnell wieder auf die Beine bringen, damit dieser seinen Probevortrag halten konnte. Abbe dazu weiter:

„Dr. Wallach tat alles Mögliche, um mich wiederherzustellen, da ich ja abends vortragen sollte; zweimal hat er mich chloroformiert, um mir durch die Betäubung Ruhe und Schlaf zu verschaffen. Es half aber alles nichts, und mein Vortrag mußte verschoben werden. […] Draußen das schönste Wetter und die schöne Stadt mit ihren Herrlichkeiten, erst Dienstag wurde ich besser, so daß ich wieder ein paar Schritte ausgehen konnte (infolge einer starken Dosis Opium, die mir einigen Schlaf verschafft hatte).”

Diese heute vielleicht ungewohnt klingende Behandlungsmethode kommentiert Felix Auerbach:

„[D]ie sonderbare Art, wie die damaligen Ärzte, zunächst die frankfurter insbesondere der väterlich befreundete Wallach, die Krankheit behandelten, nämlich durch kolossale Mengen betäubender Mittel, besonders Opium und Morphium; und man würde sicherlich dem Charakter dieses Mannes schon durch die bloße Vermutung zu nahe treten, er habe im Interesse des Physikalischen Vereins Abbe durch Gewaltmittel wieder soweit bringen wollen, daß er den angesetzten Vortrag halten könne.”

Nach dem Probevortrag entschied das Präsidium des Vereins Abbe für ein Semester als Dozent anzustellen. 1861/62 berichtete er den Vereinsmitgliedern über neue Erfindungen von Lufpumpen bis Wassermessern oder auch über physikalische Phänomene wie Wärmestrahlung. Auch im Physikalischen Verein zeigte Abbe jedoch sein außerordentliches Talent für optische Geräte. Auf dem Dach der Paulskirche verbesserte er mit allerlei Geräten die Methode zur Zeitbestimmung. Scherzhaft bezeichnete er sich sogar als Frankfurter Stadtastronom. Schon nach einem halben Jahr endete die Anstellung. Die Mitgliederversammlung stimmte gegen eine weitere Anstellung, die finanziellen Mittel des Vereins würden dafür nicht ausreichen.

Ernst Abbe fand in Frankfurt zumindest eine erste Dozentenstelle, zehn Jahre später wurde er Professor, 1878 Direktor der Sternwarte Jena. Als Alleininhaber der Firma Cal Zeiss und Sozialreformer gelang er in den Jahrzehnten danach großen Ruhm. Wir hoffen, dass er Frankfurt vor allem aufgrund dieser ersten Anstellung in Erinnerung behielt und nicht als Stadt der Dichter und Dealer.

Die Zitate stammen aus dem Buch Ernst Abbe – Eine Lebensbeschreibung von Felix Auerbach, erschienen 1918 in Leipzig. Auch die Bilder stammen aus diesem Buch.